Sergius Pauser - Die Galerie der Wiener Secession

Rudolf Haybach


Wenn Pauser sagt, dass er keine malerischen Probleme habe und keinem Darstellungsgesetz folge, sondern nur aus Ergriffenheit und voll von dieser beherrscht arbeite, gleichgültig, ob Schmerz oder Lust sie verursachen, Grauen oder Freude, so ist es schwer begreiflich, warum alle seine Bilder gerade durch Ruhe und Klarheit ausgezeichnet sind. Besessen sein, von einer Sache ergriffen, in Besitz genommen werden, ergibt ja als notwendige Folge, dass die sozusagen im akuten Zustand der Erregung erfolgende Darstellung eines solchen Erlebnisses keinem Maß mehr folgen kann und eher ins Unklare, Geheimnisvolle, ja Abgründige mündet, als in die abgeklärte, maßvolle Form der Bilder des Meisters. Obwohl also Pauser sich einer unbekannten Triebkraft überlässt, ins Ungeordnete eindringt, mit der ganzen ihm eigenen Fähigkeit eines außerordentlichen gefühlvollen Erlebnisses, gelingt es ihm trotzdem, die ausgelösten Kräfte seinem Maße anzugleichen und geordnet zu fixieren. Dass Pauser dies vermag, kann nur eine Folge seiner Persönlichkeit oder einer Wegrichtung sein, die zur Vollendung weist, denn Vollendung ist absolute Ruhe, absolute Klarheit. Wer diesen Weg geht, der ist eben zur Vollendung berufen, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, ob er die Berufung erkannt hat oder nicht.

 

Pauser ist Mensch der Ordnung, der gesicherten und selbstbewussten Existenz. Er kann es sich leisten, die Welt in ihrer scheinbaren Verworrenheit zu nehmen, so wie sie ist. Ja, er hat vor der Wirklichkeit gleichsam einen religiösen Respekt, der keine Änderung zulässt. Er kann auch gar keine Wandlungen zulassen, da er eigentlich schon in Ordnung erschaut, was Anderen ungeordnet erscheint und weil er damit nur sein eigenes Wesen bestätigt. Er ist nicht Revolutionär, der alles unvollkommen sieht und alles besser machen will. Also prallt auch jeder dämonische Einfluss an Pauser ab, da Pauser die Wirklichkeit ja für gut findet so wie sie ist. In dieser Sicherheit und Ausgeglichenheit liegt seine Stärke. Sie bestimmt seine Erlebnisse und ihr verdankt er die Harmonie seiner Bilder. Es ist außerordentlich erfreulich, bei allem Interesse das man den experimentierenden Versuchen der zeitgenössischen Malerei entgegenbringt, in Pauser den Mann zu sehen, der solcherart klassische Schönheitsideale durch die Zeit rettet.

 

Diese Art zu malen, zustimmend also einer ein für alle Mal gegebenen Welt, macht ihn besonders zum Porträtisten geeignet. Der Porträtist verändert ja die vorgefundene Wirklichkeit nur so weit, als es sein bildnerischer Ordnungssinn verlangt. Und diese Bejahung ist es, die die positiven Eigenschaften seines Modells steigert. In dieser optimistisch grundierten Malerei ruht allerdings die Gefahr, durch Übertreibung des als ausgeglichen Erkannten in eine Art Schönmalerei zu verfallen. Jene Leute aber, die ihm dies vorwerfen sollten, mögen bedenken, dass es immer wieder Menschen geben muss, die sozusagen den Faden der Tradition weiterspinnen. Denn ohne diesen Faden würden sich auch die kühnsten Forscher im Labyrinth des modernen künstlerischen Wollens verirren. Diese Menschen, wie eben auch Pauser, sind Leuchttürme, die den aus- oder einfahrenden Entdeckern neuer Gebiete den Weg ins Meer oder in den Hafen zeigen.

 

Pausers Malerei, wenn sie schon eingegliedert werden soll, erscheint somit als direkte Abfolge der Wiener Malerei ans der Mitte des 19. Jahrhunderts, eines Waldmüller oder Amerling, allerdings verwendet Pauser alle modernen Malmittel, die er durch den Impressionismus gewonnen hat, verbunden mit einer altmeisterlichen Technik und einer sehr sauberen Palette. Wenn man fragt, wie Pauser zu seiner künstlerischen Eigenart gekommen ist, so muss man sagen, dass auch da seine Herkunft und seine durch sie bedingte Persönlichkeit viel mehr entscheidend waren, als die Einflüsse, die seine Lehrer auf ihn ausgeübt haben. Karl Caspar, von dem Pauser selbst sagt, dass er zwei eindrucksreiche, unvergesslich glückliche Jahre bei ihm an der Akademie in München verbracht hat, der ihm als Künstler und Mensch so viel gegeben, dass er sein ganzes Leben lang in größter Dankbarkeit seiner gedenken werde, ist in seinem Werk nirgends zu spüren. Seinen Vater aber bezeichnet Pauser als den glücklichsten Optimisten, den er je kennen gelernt habe. Ihm dürfte er seine bejahende Eingliederung in die bestehende Gesellschaftsordnung, seine positive Einstellung zu den Dingen dieser Welt verdanken. Was Pausers äußere Verhältnisse betrifft, zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie sich unter einem Glücksstern entwickelt haben. Am 28. Dezember 1896 in Wien als Sohn Wiener Bürger geboren, verbrachte er die ersten sechs Jahre seines Lebens in Wien, um dann mit seinen Eltern nach Waidhofen an der Ybbs zu übersiedeln. Als er die sechste Klasse der Realschule besuchte, sah ein Freund seiner Eltern, der Maler Zewy, ein Aquarell, das Pauser gemacht hatte. Wenngleich weder die Eltern noch das Kind selbst daran glaubten, erklärte Zewy, dass er doch ein Maler werden würde. Das Jahr 1915 verlangte auch von Pauser seinen Beitrag zur Verteidigung des Vaterlandes. Aber, wie er selbst erzählt, vom eigentlichen Krieg spürte er wenig, er wusste sich jung, gesund und glücklich. Als ihn ein Lungenleiden anfiel, fand er da­durch sowohl Befreiung vom Militardienst als auch bald Heilung von seiner Krankheit in Gossensaß und Meran. Mag sein, dass aus dieser Zeit eine starke Empfindsamkeit stammt, die ihn nie mehr verlassen hat, und die besonders bei der Wahl seiner Motive und Modelle oft eine ausschlaggebende Rolle spielt, sei es die Trostlosigkeit einer sich ins graue Ungewisse spannenden Brücke, sei es die derbe Lustigkeit eines lärmenden Praters, oder die ehrfurchtheischende Würde eines Herrn oder die Lieblichkeit eines Mädchens. Nach einem ruhigen Studium an der Akademie in München bei den Professoren Becker-Gundahl und Ludwig Herterich und bei dem schon genannten Karl Caspar kehrte er nach Waidhofen zurück, heiratete eine Waidhofnerin und blieb zwei Jahre in der altertümlichen Kleinstadt an der Ybbs. Yon da aus beschickte er schon Ausstellungen in der Wiener Secession, und übersiedelte er im Jahre 1926 nach Wien. Ein Jahr darauf wurde er von der Wiener Secession zu ihrem ordentlichen Mitglied erwählt. Und bald sollte ihn die Welle des Erfolges ergreifen. Das erste große Ereignis war für ihn die Verleihung des Georg-Schicht-Preises im Jahre 1928 für das beste österreichische Frauenporträt. Im folgenden Jahre kaufte der Oberbürgermeister von Nürnberg ein Frauenbildnis, das er in der Albrecht-Dürer-Festjahrausstellung ausgestellt hatte, für die städtische Galerie; 1931 erhielt er den Ehrenpreis der Stadt Wien, die städtischen Sammlungen erwarben sein Gemälde „Wurstelprater mit Riesenrad“. Auch weiterhin hatte er Erfolg: 1932 österreichischer Staatspreis, Ankauf eines Porträts für die österreichische Staatsgalerie; Einladungen zu internationalen Ausstellungen in den folgenden Jahren nach Barcelona, New York, Boston, Phila­delphia, London, Venedig, ins Carnegie-Institut in Pittsburgh. 1935 kauften die städtischen Sammlungen Wiens aus seiner Kollektivausstellung in der Secession ein Mädchenbildnis, die österreichische Staatsgalerie seine Landschaft „Cap Ferrat“. Aus der österr. repräsentativen Ausstellung in Buda­pest 1935 erwarb die ungarische Nationalgalerie eine Landschaft, außerdem erhielt er die große goldene Ehrenmedaille der Stadt Budapest. Für eine österreichische Landschaft wurde er durch einen Preis bei der Internationalen Ausstellung des Carnegie-Institutes in Pittsburgh geehrt. Das „Musée jeu de paume“ in Paris kaufte im Jahre 1937 ein Landschaftsaquarell. 1943 wurde er als Professor und Leiter der Meisterschule für Bildnismalerei an die Akademie der bildenden Künste berufen. 1946 erwarben die Wiener städtischen Sammlungen zwei Landschaften und das Porträt des Stadtrats Speiser. 1947 beehrte ihn das Niederösterreichische Landesmuseum mit einem Ankauf von fünf Aquarellen und zwei Landschaften. Für die Galerie der Wiener Bürgermeister im Wiener Rathaussaal malte er das Großbildnis des Bürgermeisters von Wien General Körner und 1948 erhielt er den Auftrag auf ein Porträt des Bundespräsidenten Dr. Karl Renner für die Präsidialkanzlei in der Hofburg.

 

Rudolf Haybach

(Katalog: „Die Galerie der Wiener Secession”; 1949

 

 

 

 
)